Sonntag, 15. Oktober 2017

Gangsta's Paradise



Es ist einer dieser Tage im Oktober, an denen der Sommer noch ein kurzes Mal aufblitzt, uns vor die Tür lockt und die Hormone Samba tanzen lässt.

Nun gut, meine jetzt gerade nicht mehr so fanatisch. Es ist kurz vor Mitternacht und ich liege bereits seit zwei Stunden selig schlummernd mit dem Winzkind im Bett, als ein unsäglicher Krach uns beide plötzlich aus dem Schlaf reißt.

Vor unserem Schlafzimmerfenster tummelt sich eine Truppe Pubertiere grölend und lachend. Über Lautsprecher hören sie irgendein unsäglich schlechtes Lied, das ich nicht kenne, in einer Lautstärke, dass ich nur darauf warte, dass die Fensterscheiben gleich anfangen, zu vibrieren. Das Winzkind sitzt aufrecht neben mir im Bett und knöttert müde irgendetwas Unverständliches.

Ich bin schon halb auf der Bettkante, auf dem Weg auf den Balkon, um diesen dämlichen Gören, die mitten in der Nacht durch die Gegend ziehen und andere vom Schlafen abhalten, die Meinung zu geigen. Mir liegen so Sätze auf den Lippen wie: „Seht zu, dass ihr wegkommt. Ihr habt den Schlaf eines Dreijährigen auf dem Gewissen, und da es ja noch nicht so lange her ist, dass ihr selbst drei wart, könnt ihr euch bestimmt erinnern, wie scheiße das ist, wenn man geweckt wird.“

In diesem Moment ist das Lied zu Ende, und das nächste fängt an. Es ist „Gangsta’s Paradise“ von Coolio. Und ich habe plötzlich ein riesiges Flashback.



1995 – Ich bin sechszehn und wir treffen uns an einem lauen Spätsommerabend mit der Clique auf dem Parkplatz der Schuhfabrik, die mitten im Wohngebiet steht. Einige von uns drehen noch ein paar Runden auf den Inlinern über den Parkplatz, der Rest sitzt neben dem Ghettoblaster, aus dem laut die Musik schallt. „Gangsta’s Paradise“. Extrem textsicher singe ich mit. Vor Kurzem waren wir noch im Kino und haben „Dangerous Minds“ gesehen. Seitdem ist das Lied aus unserer Playlist nicht mehr wegzudenken. Wir trinken Batida de Coco, Feigling und Appelkorn, obwohl die meisten von uns das Zeug nicht einmal kaufen dürften. Der Alkohol löst unsere pubertäre Schüchternheit, und wir lachen und quatschen lauter, als die Nachbarn es vermutlich ertragen können. Ich himmele den Typen mit der Kangol Cap an, der wiederum seine Freundin anhimmelt, und vielleicht ist an diesem Abend auch jemand da, der mich verstohlen beobachtet, ohne dass ich es merke. Die Jungs machen irgendwelche Tricks mit ihren Inlinern und profilieren sich damit wirkungsvoll vor uns Mädels.

Es ist einer dieser Abende, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben. Eigentlich völlig unbedeutend in jeglicher Hinsicht, aber eben doch so wichtig, dass die Erinnerung daran noch heute ein Lächeln in mein Gesicht zaubert.

Und so schwinge ich meine Beine von der Bettkante zurück ins Bett, kuschele mich an das Winzkind, und denke daran, dass er es ist, der in einigen Jahren abends mit seinen Freunden loszieht, einfach eine gute Zeit haben und dem ein oder anderen Nachbarn den Schlaf rauben wird!

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