Donnerstag, 5. Mai 2016

Jetzt tauch ihn endlich tiefer!!!

Vom Babyschwimmen zum Seepferdchen
Ich bin eine gute Mutter. Wirklich! Nur ganz ganz selten gehen die Pferde mit mir durch. Zum Beispiel dann, wenn ich den Mann dazu nötige, das Baby nicht so luschimäßig nur mit der Nasenspitze durchs Wasser zu ziehen, sondern ordentlich unter zu tauchen.
Aber fangen wir von vorn an. Vor der Geburt des Großkindes bin ich hoch motiviert, alles an Babykursen mitzunehmen, was die Babykursmaschinerie anzubieten hat. PEKiP, Babymassage, Babyzeichensprache, KANGA-Training, Musikgarten, das volle Programm. Und eben auch Babyschwimmen. Okay! Nach ein paar schlaflosen Wochen hat sich mein Kursplan radikal von selbst zusammengestrichen. Um das schlechte Gewissen zu beruhigen, dass wir nicht wirklich alles getan haben, um unseren ältesten Spross bestmöglich (früh) zu fördern, nehmen wir tatsächlich am Babyschwimmkurs teil. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel:
-          das Baby hat Schnupfen
-          das Baby zahnt
-          das Baby hat schlecht geschlafen
-          ich habe schlecht geschlafen
-          es ist Winter (zu viel zum An- und Ausziehen)
-          es ist Sommer (da geht man ja lieber ins Freibad)
Also gehen wir de facto nicht oft, aber wenn, dann sind wir mit Feuereifer dabei.
Das beginnt schon beim Umziehen. Während die anderen ihre Kinder in die 08/15-Schwimmwindeln der großen Drogeriemärkte stecken, und die kleinen Glatzköpfe nur noch daran unterschieden werden können, wie weit ihre Ohren vom Kopf abstehen, trägt das Winzkind stilecht Shorts. Mit Surfbrettern drauf! Es soll bereits beim Betreten des Bades so aussehen, als sei er fürs Wasser geboren. Vom Fruchtwasser direkt ins Badewasser sozusagen. Leider hat er zu wenig Haare, um ihm eine stilechte Surfertolle zu kämmen.
Apropos Badewasser, das Becken, in dem der Schwimmkurs stattfindet, ist gefühlt so groß wie ein Planschbecken für den Balkon. Zehn schwitzende Elternteile (Raumtemperatur hat saunaähnliche Ausmaße) mit neun Babys (in jedem Kurs ist eine Familie dabei, die das Wunder des Kindes im Wasser zu Zweit erleben muss) tummeln sich also in einer Art Brühe. Wir sind der vierte Kurs an diesem Tag, bereits drei mal neun kleine Menschen vor uns hatten die Chance, auszuprobieren, ob die Schwimmwindeln wirklich dicht sind (sind sie nicht). Das Wasser ist sehr warm, jetzt wissen Sie auch wieso!
Der Kurs ist unabhängig vom Geschlecht des Kinders überwiegend mit Vätern besetzt (plus einer zusätzlichen Mutter, die das Wunder als Pärchenscheiß erleben muss – siehe oben). Die Kursleiterin stimmt das Begrüßungslied an, bei dem die Babys auf einer grünen Wiese in einem Karussell eine wilde Fahrt erleben. Die Kursleiterin übertönt die brummenden Bassstimmen der eher unmotiviert mitsingenden Väter um einiges. Pauls schmalbrüstiger Vater bricht fast zusammen, als er seinen 10-Kilo-Sohn beim Kommando „einsteigen“ in die Höhe stemmen soll. Im Anschluss an das Lied wird der schwimmbewindelte Nachwuchs auf einem halben Quadratmeter vom jeweils stolzen Vatertier hin und her geschoben. Die lieben Kleinen reagieren höchst unterschiedlich. Von großer Entspannung (Achtung: höchste Pipialarmstufe!) bis zu panischem Gebrüll. Und glauben Sie mir, das kreischende Echo, das von den Wänden der kleinen Schwimmhalle widerhallt, beschert einem HNO-Arzt ein Jahresgehalt für diverse Tinnitusbehandlungen geschädigter Elternohren.
Ich beobachte das Spektakel amüsiert von der Bank aus. Einige Mütter leisten mir Gesellschaft, andere hopsen wild rufend ums Becken herum. Hier hat übrigens eine Evolution der Unterhaltungselektronik stattgefunden. Sah ich beim Großkind vereinzelt mal eine Mutter mit Fotoapparat am Beckenrand stehen, sind sechs Jahre später beim Winzkind die stolzen Mütter mit ganz anderen technischen Utensilien bestückt. Einige filmen und fotografieren ganz schnöde mit dem Handy, aber ein Großteil ist mit Selfie-Sticks ausgestattet, die allerdings nicht dafür genutzt werden, ihre eigene Visage in Bild und Ton festzuhalten, sondern dafür, die Unterwasserkameras möglichst nah vor Babys Gesicht im Schwimmbecken zu platzieren. Da liegen also Mütter am Beckenrand, halten Stäbe mit Kameras ins Wasser und geben den Vätern Regieanweisungen, damit Babys erste Schwimmversuche für das Heimvideo in 4D möglichst effektvoll in Szene gesetzt werden. „Jetzt lass Leon-Levi mal direkt auf die Kamera zu schwimmen! Halt! Leon-Levi! Nicht aufs Objektiv fassen!“
Die Kursleiterin bleibt davon unbeeindruckt und zieht ihr Programm durch. „Jetzt gieße ich den Babys mit einer Gießkanne Wasser über den Kopf, und ihr taucht sie daraufhin unter!“, ruft sie enthusiastisch.

Der Enthusiasmus auf Seiten der Eltern ist an dieser Stelle zweigeteilt, um nicht zu sagen dreigeteilt. Die einen nicken brav, lassen aber einen leichten Restzweifel in ihren Gesichtern erkennen. Die anderen empören sich lautstark darüber, dass sie ihr Kind auf gar keinen, ich wiederhole AUF GAR KEINEN Fall unter Wasser tauchen werden. Und dann gibt es noch mich. Ich schaue mir an, wie erst die anderen Väter beinahe ängstlich ihre Kinder minimalst ins Becken tunken, und beobachte dann den Mann dabei, wie er unseren Sohn durchs Wasser zieht, selbiges aus der Gießkanne auf seinen kleinen nackten Schädel regnen lässt und ihn dann sehr zaghaft bis zur Nase ins Wasser döppt. Ja, und dann kommt mein großer Auftritt. „DU MUSST IHN TIEFER TAUCHEN! SOLANGE ICH NOCH SEINEN KOPF SEHEN KANN, IST ES KEIN TAUCHEN!“, brülle ich von meiner Mütterbank aus am Beckenrand einmal quer durch die ganze Schwimmhalle. Siebzehn erschrockene Augenpaare richten sich auf mich. Nur die Kursleiterin hebt grinsend den Daumen. „Was denn? Sie hat gesagt, die Babys sollen tauchen“, erkläre ich achselzuckend. Wenn wir das hier schon machen, dann auch richtig!
Sechs Jahre später stelle ich mir allerdings die Frage, ob es überhaupt ein RICHITG oder FALSCH gibt. Nach der missglückten Tauchstunde bin ich lieber selbst mit dem Sohn ins Wasser gegangen, was allerdings nicht dazu geführt hat, dass er sich heute auch wirklich wie ein Fisch im Wasser bewegt. Haben Sie sich mal gefragt, wieso das erste Schwimmabzeichen Seepferdchen heißt? Nein? Dann stellen Sie sich jetzt einfach vor, wie so ein Seepferdchen im Wasser schwimmt. Ungefähr genauso senkrecht steht das Großkind beim Schwimmen im Wasser. Vom Tauchen wollen wir an dieser Stelle erst gar nicht anfangen.
Es ist also völlig wurscht, ob Sie zum Babyschwimmen gehen oder nicht, ob Sie Ihr Baby dabei untertauchen oder nicht. Egal, an was für Kursen Sie teilnehmen, ob im Wasser oder auf dem Trockenen. Stellen Sie sich einfach die Frage: Haben mein Baby und ich Spaß dabei? Wenn Sie dies bejahen können, schwimmen, krabbeln, turnen, massieren oder singen Sie soviel Sie mögen! Ansonsten bleiben Sie beruhigt zu Hause und genießen die Zeit mit ihrem Kind genauso wie es Ihnen gefällt!

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