Freitag, 12. Juni 2015

Das Lunch-Paket-Trauma


Wie vermutlich überall unternimmt auch unsere KiTa mit den Kindern Ausflüge. Da wird dem kleinen Wikinger Wickie auf der Freilichtbühne zugeschaut, wie er sich bei einer guten Idee die Nase rubbelt, bei der Feuerwehr lernen die angehenden Feuerwehrmänner und –frauen wie man sich im Falle eines Brandes zu verhalten hat, oder es geht ab zum Schlittenfahren auf den nahgelegenen Hügel. In der Regel bedeuten diese Aktivitäten für mich keinen nennenswerten Aufwand über die normalen Vorbereitungen des Tages hinaus. Kind anziehen, in die KiTa schicken, fertig!

Das ist auch gut so, denn mein stilldementes Hirn verfügt über mehr Löcher als das Mäuselabyrinth unter unserem Kräuberbeet, durch die wichtige Informationen auf nimmer Wiedersehen einfach hinaus suppen. Glücklicherweise gibt es im Kindergarten an den Garderobenfächern das Fach Elternpost, in dem für solche Mütterexemplare wie mich extra nochmal alles schriftlich hinterlegt wird, zum Abarbeiten quasi. Dummerweise verschwinden solche Leitfäden zu Ausflügen bei meinen Söhnen immer unter Müllbergen von alten Eicheln, Katzengold, Stöckern, Glitzerdingsbums und Stapeln von Ritter-Drachen-Weltraum-Monster-Bildern. Nehm ich morgen mit, wenn ich die Hände frei habe ist da mein Leitspruch. Leider habe ich nie die Hände frei.

Manchmal schaffe ich es dennoch, einen Elternbrief als solchen zu erkennen und aus dem Sammelwust herauszuziehen. Aha! Ausflug in die Waldschule steht an. Les ich mir nachher genauer durch, denke ich, denn gerade muss das Mittelkind Pipi und das Winzkind möppert in der Trage vor meiner Brust, während das Großkind mir erzählt, dass er heute draußen ein großes Schlammloch gebuddelt habe. Ja, so sieht er auch aus! Der Zettel verschwindet in meiner Handtasche.

Auf dem Weg nach draußen treffe ich auf eine Erzieherin, die mich daran erinnert, am Montag für den Ausflug zur Waldschule morgens einen Kindersitz für das Großkind mitzubringen. Ich stopfe eines meiner Hirnlöcher und speichere brav ab: Sitz mitbringen.
Der Montag kommt und ich platze fast vor Stolz. Ich habe nämlich nicht nur an den Kindersitz gedacht sondern sogar daran, unseren Namen auf das Teil zu schreiben, damit wir später auch tatsächlich unseren Sitz wieder mitnehmen.

„Heute geht es in die Waldschule, freust du dich?“

„Und wo sind die vier Euro?“, erhalte ich die etwas zusammenhangslose Antwort.

„Vier Euro????“

„Na für die Waldschule.“

„Solltet ihr vier Euro mitbringen?“

„Ja-ha.“

Ups. Stand bestimmt auf dem Zettel, den ich vergessen habe, zu lesen, beschleicht mich der Gedanke. Im Portemonnaie des Vatertiers und in meinem finde ich je zwei Euro. Das nenne ich Teamwork. Gut, dass das Großkind an das Geld gedacht hat. Das wär sonst wieder peinlich geworden.

Um dann schlägt erneut mein löchriges Stillhirn zu. Um wie viel Uhr sollten wir die Kinder noch an der Waldschule abholen? War es 16 Uhr oder 16 Uhr 30? Ich durchsuche eine Handtasche nach dem Zettel. Ich sage bewusst eine Handtasche, ich hab nämlich an die drölfundvierzig Handtaschen und kann mich spontan natürlich nicht mehr daran erinnern, welche ich am Freitag dabei hatte. Ich finde den Zettel nicht und beauftrage das Vatertier, in der KiTa nachzufragen, wenn er die Jungs abliefert und mir eine Nachricht zu schicken. Vier Stunden später lese ich selbige, die das Vatertier pflichtbewusst direkt am frühen Morgen versendet hatte. Abholen 16 Uhr und das Großkind hätte ein Lunchpaket mitbringen müssen, ob ich das noch nachliefern könne, Abfahrt an der Kita ist 13.30 Uhr. Ach du Sch…! Wie konnte ich das Lunchpaket vergessen?



Ich fühle mich zurück versetzt ins Jahr zuvor, dem ersten unglücklichen Akt des Lunchpaket-Traumas. Während ich schwangerschaftsbedingt würgend über der Toilettenschüssel hing, schmierte das Vatertier morgens die Brote für das Lunchpaket für den Ausflug zur Waldschule. Als ich gegen 13.30 Uhr das erste Mal in der Lage war, darüber nachzudenken, zumindest mal an einer trockenen Scheibe Brot zu riechen, entdeckte ich, dass der komplette Brotlaib verschimmelt war. Das bedeutete, dass auch das Großkind schimmeliges Brot mit Wurst und Käse in seiner Tupperdose liegen hatte. So schnell mich meine Watschelfüße unter meinem dicken Babybauch tragen konnten, war ich zum Telefon gerannt, hatte „Schimmel!“ in den Hörer gebrüllt und gerade noch abwenden können, dass das Großkind die fragwürdige Mahlzeit mit in die Waldschule nehmen würde. (Die Kinder waren schon dabei, das KiTa-Gelände zu verlassen und die Erzieherin hatte nur mit einem beherzten Brüllen ihrerseits die Aufmerksamkeit der Gruppe erreichen können). Mein Sohn musste also ohne Lunchpaket fahren.

Und nun stehe ich wieder hier und das arme verwahrloste Kind hat kein Brot! Und das ist auch nicht mal eben so nachgeliefert, denn ein Blick in unseren Brotkorb zeigt mir die traurige Wahrheit in Form eines vertrockneten Käntchens. Ich schaue auf die Uhr. In einer halben Stunde ist Abfahrt zur Waldschule, eine Viertelstunde fahre ich zur KiTa. Ich reiße das Winzkind aus seinem Mittagsschlaf, stopfe ihn in die Babyschale und rase zum Bäcker, bewaffnet mit einem Kinderrucksack, einer Banane, einer Trinkflasche voll Wasser, einer Brotdose, einem Messer und dem Lieblingskäse des Großkindes. Beim Bäcker angekommen belle ich meine Bestellung über die Theke, schnappe mir die Tüte, verfrachte das Winzkind zurück ins Auto. Dabei erleide ich beinahe einen Ohnmachtsanfall, da das Auto bereits nach wenigen Minuten so dermaßen nach dem Camembert stinkt, dass es kaum auszuhalten ist. Ich schmiere die Brötchen mit dem mitgebrachten Messer noch auf dem Parkplatz, haue den Gang rein und brettere zur KiTa. Dort angekommen drücke ich einer überraschten Erzieherin gerade noch rechtzeitig den mit zwei Brötchen, einer Banane und der Trinkflasche gefüllten Rucksack in die Hand.

Geschafft! So langsam fallen wir zwar vermutlich negativ auf als die Familie, die alles vergisst, wenn man es ihnen nicht in doppelter und dreifacher Ausführung sagt, aber ich kann zumindest behaupten, dass mein Sohn nun zusammen mit den anderen im Wald picknicken kann.

Fast schon euphorisch beschwingt fahre ich wieder nach Hause.
Um 16 Uhr stehe ich pünktlich auf die Minute auf dem Gelände der Waldschule und warte zusammen mit den anderen Müttern und Vätern auf unsere Schützlinge. Da kommen sie auch schon um die Ecke gerannt und schmeißen sich lachend in unsere Arme.

„Na, wie war es in der Waldschule?“

„Toll!“ Das Großkind strahlt mich an.

„Und habt ihr auch ein Picknick gemacht?“

„Ja, aber Mama, ich war ganz sparsam. Ich hab noch zwei Brötchen und eine Banane!“

„Dann hast du ja gar nichts gegessen!“

„Nö, das heb ich mir für Zuhause auf.“


Ich suche die Wand, vor die ich meinen Kopf hauen kann. 

Kommentare:

  1. *kicher* Apropos Wald… Es gibt so Momente, da hat man großes Verständnis für die Eltern von Hänsel und Gretel, oder? Wenn sie nicht so süß wären…

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  2. Ich befürchte, die Hexe würde meine Söhne sehr schnell wieder rausrücken! ;)

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  3. Wunderbar geschrieben. Ich lache mich schlapp!
    Das geht mir, naja, nicht ganz so, aber ähnlich :)

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  4. Seit ich dem Schulkind jeden Morgen eine Brotbox fertig machen muss, bin ich sogar ETWAS organisierter geworden. ;)

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