Donnerstag, 26. März 2015

Familie Igel geht heut aus ...

… freuen sich das Eichhorn und die Maus.

Der Standardspruch meines Vaters, wenn wir früher irgendwohin gefahren sind. Nun ist es so, dass ich als selbstredend wohlerzogenes und in allerhöchstem Maße pflegeleichtes Einzelkind großgeworden bin. Die Herausforderung, mit mir einen Ausflug zu unternehmen, war also auf relativ geringem Level.

Wenn ich heute als Mutter dreier Jungs im bekanntermaßen völlig anspruchslosen Alter zwischen null und sechs Jahren das Haus verlassen will, gleicht das einer Kampfansage gleichermaßen an mein Organisationstalent als auch an mein Nervenkostüm.

Die ersten zarten frühlingserwachenden Sonnenstrahlen lassen das Vatertier und mich dazu hinreißen, den Vorschlag zu machen, am Wochenende den Zoo zu besuchen. Der ältere Teil der Kinderschar ist begeistert, dem jüngeren Teil ist es ziemlich wurscht.
Das Wochenende kommt und mit ihm der Regen. (Natürlich!)

„Jungs, bei dem Wetter ist es bestimmt nicht so schön, in den Zoo zu fahren.“
„Wir wollen aber in den Zoo.“ (Hierbei spricht das Großkind gern für das Mittelkind mit, das Mittelkind wiederholt dann sowieso in identischer Wortwahl und Intonation noch einmal das Gesagte.)
„Ihr mögt doch auch den Grüffelo, oder? Gestern stand in der Zeitung, dass es in der Nähe eine Grüffeloausstellung gibt, wollt ihr da hin?“
„Jaaa!“ (Das Großkind)
„Jaaa!“ (Das Mittelkind)
„Super, dann fahren wir da heute hin.“
„Heute wollen wir aber in den Zoo!“
Arrrrrrrgh!

Okay! Man ist ja flexibel. Also suche ich Gummistiefel, Regenjacken und Regenschirme zusammen. Das Mittelkind übt den Zwergenaufstand, weil er eine Regenjacke hat, die man über den Kopf ziehen muss. Findet er blöd. Das Großkind findet Mützen so ganz im Allgemeinen blöd, da sie wahlweise rutschen oder zu eng sind oder angeblich sogar beides gleichzeitig tun. Das Winzkind beschließt aus Solidarität direkt auch schlechte Laune zu bekommen.

Um sieben Uhr morgens klicke ich mich durch die Internetseite des Zoos. Um elf Uhr gibt es bei den Loris eine Fütterung durch die Besucher. Bis dahin will ich da sein. (Wir fahren eine halbe Stunde.) Ehrgeiziger Plan, ich muss fast selbst ein bisschen über mich lachen. Doch oh Wunder, um elf Uhr fünf sind wir immerhin fast pünktlich tatsächlich angekommen. Bis dahin habe ich Mützen gezählt, Carepakete gepackt, Windeln, Wechselwäsche, Feuchttücher, Kinderwagen, Babytrage, Photoapparat, Nuckel, Spucktücher, Wasserflaschen und Kinder im Auto gestapelt. Nur zwei Mal muss die bereits abgeschlossene Haustür wieder aufgeschlossen werden, weil mir einfällt, was wir noch vergessen haben. Loris, wir kommen!

Jetzt sollte man meinen, dass ein verregneter Sonntag bedeutet, dass wir ganz allein im Zoo herum laufen werden, zumal am sonnigen Wochenende zuvor laut Zoo-Homepage der Besucherrekord von 1989 gebrochen wurde. Rein rechnerisch dürfte also alles, was Beine und Kinder hat, bereits den ersten Zoobesuch des Jahres hinter sich gebracht haben. Pustekuchen! Neben uns auf dem Parkplatz steigen noch etliche Familien in Regen-/Matschhosen-Kleiderkombis aus ihren Familienkutschen und laden ihren halben Hausrat in Holzbollerwagen und UlfBo Touren Theos. An der Kasse gibt es tatsächlich eine Schlange. Ich blicke hektisch auf meine Armbanduhr und hoffe, dass wir es noch rechtzeitig schaffen, denn ich will die Kinder wollen schließlich Loris füttern.

Endlich sind wir auf dem Zoogelände, aber wo findet man jetzt diese blöden Vögel? Das Vatertier zeigt auf ein Hinweisschild zum Tropenhaus und ich trabe los.
„Wir wollen aber die Elefanten sehen!“ Das Großkind.
„Quatsch! Du willst Loris füttern!“
„Also eigentlich …!“
Ich habe kein Erbarmen und jogge mit dem Kinderwagen voran über das nieselnasse Zoogelände. Irgendwann finden wir das Tropenhaus.
„Hier riecht es komisch.“ Das Mittelkind. „Ich will wieder raus.“
Das wiederholt er gebetsmühlenartig solange, bis ich überlege, ihn im Kaimanbecken auszusetzen. Ich rase an Äffchen und anderem Getier vorbei, doch am Ende des Tropenhauses ist immer noch kein Lori in Sicht. (Ich stelle später fest, dass diese sich im Elefantenhaus tummeln. Die Logik soll mir mal einer erklären!)

Wir verlassen das Tropenhaus wieder, wobei es draußen genauso feucht ist wie drinnen, nur kälter!
„Können wir jetzt endlich zu den Elefanten?“ Das Großkind.
„Aber in zwanzig Minuten ist die Pinguinfütterung, da wollt ihr doch bestimmt mitmachen!“
„Und die Elefanten?“
„Die Pinguine liegen auf dem Weg!“

Wir erreichen das Pinguingehege und stehen uns mit ungefähr achtzig weiteren Zoobesuchern die Beine in den Bauch. Vermutlich sehen wir den Pinguinen gerade ziemlich ähnlich, die stehen auf der anderen Seite der Plexiglasscheibe genauso reglos und harren der Dinge, die da kommen.


Schließlich kommt der Zoowärter und stellt einen Eimer auf den Asphalt. Die Kinder stürzen sich darauf, grapschen nach den toten Fischen und füttern voller Freude die Pinguine. Wenn ich schreibe, die Kinder meine ich übrigens nicht meine Kinder. Die stehen nach wie vor wie festgetackert da und trauen sich nicht, sich mit ins Getümmel zu stürzen. Als wir mit viel Überredungskunst gemeinsam den Eimer erreichen, liegen nur noch eine Handvoll traurige glubschäugige Fische im blutigen Wasser. Wenigstens haben meine Söhne keine Skrupel, in die Ekelbrühe hineinzufassen, blicken danach allerdings reichlich skeptisch auf das tote Tier in ihren Händen. Innerhalb von zehn Sekunden ist der Fisch ins Becken geworfen und im Pinguinmagen verschwunden. Wie schön, dass wir für dieses erhebende Erlebnis so lange in der feuchten Kälte herumgestanden und gewartet haben.







Als wir bei den Elefanten ankommen, stelle ich fest, dass wir die Elefantenfütterung verpasst haben, behalte das aber lieber für mich.
„Und?“, hake ich beim Großkind nach. „Bist du jetzt glücklich, dass du die Elefanten sehen kannst?“
„Hm.“ Begeisterung klingt irgendwie anders.
„Stimmt was nicht?“
Leicht empört zeigt das Großkind auf den riesigen Elefantenbullen. „Der hat nur einen Stoßzahn!“

Unser Sohn fühlt sich eindeutig um die Ansicht eines intakten Tieres betrogen, lässt sich aber damit zufriedenstellen, dass der Elefant den fehlenden Stoßzahn bestimmt bei einem gefährlichen Kampf verloren hat.

Im Anschluss durchlaufen wir das Afrikapanorama einmal komplett, um festzustellen, dass alle Tiere bei dem Scheißwetter lieber drinnen verweilen, vernichten das Carepaket, besichtigen die Sanitäranlagen und drücken uns im Aquarium die Nasen platt.
Platt ist dann auch das richtige Stichwort. Erschöpft und mit einer gewissen Staunässe versehen, machen wir uns auf den Weg zurück zum Parkplatz.

Als wir endlich alle Kinder, Gefährte, Rucksäcke und uns selbst wieder eingepackt haben, kommt die Sonne hinter den Regenwolken hervor. Hmpf!
Die Kinder verschlafen die gesamte Rückfahrt und sind abends so ausgeruht, dass wir den Tatort leider mal wieder nur in der Mediathek angucken können.

Schön war’s trotzdem irgendwie! 

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