Sonntag, 15. März 2015

Die Verwandlung zum Muttertier


 Mein Vater hat mich genötigt, auf seinen Dachboden zu klettern. Er predigt seit Jahren, ich solle meinen ganzen Kram abholen, da ich schon mehr als ein Jahrzehnt nicht mehr bei ihnen wohnen würde und er Angst um die Statik seines Hauses habe.

Tatsächlich nimmt mein persönlicher Ramsch einen Großteil der Kisten ein, die sich dort oben stapeln. Für so gut wie jede Lebensetappe findet sich ausrangierter Krempel, der mir damals aber zu schade erschien, um ihn wegzuwerfen.

Ich entdecke meine dunkelblauen Doc Martens, deren Leder ich mir in den 90ern bei einer Schaumparty ruiniert habe. Danach waren sie so spröde und steif, dass ich sie nicht wieder anziehen konnte und meine Mutter (die sich schon vom ersten Paar wenig begeistert zeigte), weigerte sich standhaft, mir neue Docs zu kaufen. Damit war meine Punkphase auch recht schnell wieder beendet und ich musste mir eine neue Identität suchen (es folgten VANS mit dem dazu passenden Skateboard, auf dem ich allerdings nicht fahren konnte).

In Erinnerung schwelgend streiche ich mit den Fingern über einen Stapel Levis 501er in Größe 26. Vorwitzig starte ich einen Versuch, ob sie noch passen. Sie passen! Na ja, jedenfalls bis zu den Knien. Immerhin der XL Poncho und das Palästinensertuch sind größenmäßig zeitlos geblieben.



Ich wühle durch eine Kollektion von Marzipantieren, mit denen man jetzt jemanden erschlagen könnte, Motiv-Coladosen und eine Radiergummisammlung. Neben Puppenhaus, Barbie Reitstall und diversen Kirmesstofftieren sind da aber noch ganz andere Dinge vertreten, die rückblickend klar machen, dass selbst ein verhältnismäßig braves Teenagermädchen Dinge tut, von denen Eltern weniger begeistert sind.

Die Mercedesstern-Kette finde ich auf dem Schuhkarton mit der Zigarettenschachtelsammlung. Daneben eine ganze Armada von „Kleiner Feigling“ Deckeln. Und eine Kiste mit Zettelpost. „Machste in der dritten Stunde auch Reli blau?“

Hätte ich fast vergessen, den ganzen Kram. Innerhalb von zwanzig Jahren habe ich mich vom experimentierfreudigen Teenager in h&m Shirts in ein Muttertier verwandelt. Immer noch mit h&m-Shirts aber inzwischen trage ich welche mit Stilleinsatz.

 

Ich nehme mir vor, eine kleine Kiste herzurichten, mit Dingen, die auf jeden Fall aufbewahrt werden sollten, allein schon aus dem einfachen Grund, weil sie mich auf den Boden der Tatsachen zurück holen werden, wenn meine Jungs in ein Alter kommen, in dem sie mir als Mutter das ein oder andere graue Haar bescheren werden.

Denn eines Tages werden meine Söhne alt genug sein, um mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Und ich werde es hassen und behaupten, niemals geraucht, Alkohol getrunken oder ähnlich jugenddelinquente Dinge getan zu haben. Ich bin nämlich die Art von Mutter, die Artikel aus der Zeitung ausschneidet über dumme Jugendliche, die unnötig ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Die müssen meine Jungs dann lesen, bevor ich sie das erste Mal abends allein vor die Tür lasse.

Doch wenn sie dann  betrunken nach Hause kommen, werde ich einen Blick in meine Kiste werfen und mich daran erinnern, was ich als Teenager so getrieben habe. Ich werde meinen Söhnen vielleicht nicht den Rücken tätscheln, wenn sie über der Kloschüssel hängen und wenn sie mit ihrem ersten Kater im Bett liegen, werde ich eventuell sogar ziemlich laut „Enter Sandman“ von Metallica hören. Aber ich werde mir Mühe geben, zu verstehen, dass es wohl irgendwie alles zum Großwerden dazu gehört. Dabei werde ich hoffen, dass sie niemals von der Polizei nach Hause gebracht werden und sehnsüchtig darauf warten, dass sie die Teenagerzeit unbeschadet überstanden haben und mit ihren eigenen Kindern auf dem Rückweg vom Kindergarten Hörspiele hören.

Und damit ich diesen Vorsatz nicht so schnell vergesse, nehme ich die Danzig CD mit, die ich ebenfalls auf dem Dachboden gefunden habe und werde morgen, wenn ich die Kinder aus dem Kindergarten hole, revoluzzermäßig headbangend zu „Mother“ mit Tempo 35 durch die Tempo 30 Zone fahren. Auf dem Rückweg nach Hause muss ich nämlich wieder „Das Sams“ hören und mir wünschen, meine Jungs blieben noch sehr lange klein! 

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