Samstag, 7. Februar 2015

Hoch soll er leben!



Einmal im Jahr herrscht bei meinem Großkind Ausnahmezustand! Karneval? Falsch! Kindergeburtstag!

Es beginnt mit der Frage, wer denn an diesem Fest aller Feste teilnehmen darf. Das Großkind macht sich spätestens ab Januar Gedanken darüber (er hat im Dezember Geburtstag) und informiert mich mit wöchentlichen, wenn nicht sogar täglichen Updates über seine Überlegungen. Die größte Schwierigkeit bereitet ihm dabei die Regel, nur so viele Kinder einzuladen, wie er alt wird. Das Großkind würde gern mit einer Anzahl von Gästen feiern, die vermuten lässt, er müsse an diesem Geburtstag bereits den Marktplatz fegen und sich von einer Jungfrau freiküssen lassen.

Das Muttertier – sprich ich – bekommt dann ab und an auch schon einmal einen Schweißausbruch, wenn er im Kindergarten Kindern, deren Namen bei uns zu Hause bisher noch nicht einmal erwähnt wurden, fröhlich zuruft, sie seien selbstverständlich ebenfalls zu seinem Kindergeburtstag eingeladen. „Kind! Denk an die Regel!“ So endet es damit, dass er zwar sechs Jahre alt wird, aber trotzdem acht Kinder einladen darf (mit der mütterlichen Konsequenz ist das so ein Ding).

Nächster Punkt mit Diskussionsbedarf ist das Motto. Letztes Jahr sprangen Piraten säbelschwingend durch unser Haus, dieses Jahr sollen Ritter ein Turnier zwischen Couch und Esstisch veranstalten. Als ich dem Großkind Fahnen, Wimpel und anderes von mir liebevoll zusammengetragenes Zeug zu Dekorationszwecken präsentiere, ernte ich statt eines Jubelschreis nur eine tiefe Stirnfalte.

„Ich will aber einen Wilde Kerle Geburtstag!“

„Du magst doch gar keinen Fußball! Außerdem habe ich schon alles für einen Rittergeburtstag eingekauft.“

„Aber einen Rittergeburtstag hat Tristan doch schon mal gemacht.“

„Du warst erst einmal bei Tristan eingeladen, und ich erinnere mich genau, dass er da einen Kokosnuss-Geburtstag gefeiert hat.“

„Aber davor!“

„Ganz davon abgesehen hast du Tristan überhaupt nicht eingeladen! Da spielt es doch gar keine Rolle, ob er schon einmal einen Rittergeburtstag gefeiert hat.“

„Aber …!“

Das ließe sich jetzt unendlich fortführen.

Mit Hängen und Würgen (und einer Drachenpiñata) überzeuge ich ihn letztendlich davon, doch den in erster Instanz angedachten Rittergeburtstag zu feiern, für den ich schließlich bereits seit geraumer Zeit plane und einkaufe.

Bleibt nur noch die Frage nach dem Wann, Wo und Wie. Wann ist schnell geklärt, das Wo und Wie bereiten schon größere Schwierigkeiten. Es gibt verschiedene Unterarten von Muttertieren, mit unterschiedlichen Vorlieben für das Kindergeburtstagsprogramm, und ich bin mir nicht sicher, welche davon ich bin. Da ist die, die am liebsten zu Hause feiert mit Topfschlagen und anderen Spieleklassikern (die Traditionelle), diejenige, die eine ausgebildete Pädagogin anheuert, die mit den lieben Kleinen in der Ökostation Seidentofuwürstchen am Lagerfeuer grillt (die Alternative), die Eventmanagerin, die eine aufwändige Kostüm-Schmink-Party mit anschließender Action-Schnitzeljagd durch den Wald organisiert (die Kreative) und schließlich die Sorte Mutter, die die Bande einfach im Indoor Spielplatz ablädt, einen Kaffee schlürfend daneben sitzt und die ausgepowerte Kinderschar am Ende der Party noch zusammen mit Ronald McDonald mit Burgern abfüttert (die Schlaue).

Wir entscheiden uns dieses Jahr für klassische Kindergeburtstagsspiele getarnt als Ritterturnier. Der Bowling-/Kino-/Eisbahngeburtstag kommt noch früh genug.

„Mama, was kommt in die Tütchen?“

Oha, die berühmt-berüchtigten Mitnehm-Tütchen. Zu meinen Kindertagen gab es diese mit klebrigen Pseudo-Frucht-Mini-Kaubonbons und vielleicht noch einem Milky Way gefüllten Serviettenpäckchen. Heute muss da schon etwas mehr aufgefahren werden. Theoretisch würde ich das Ganze gern pädagogisch wertvoll mit Dinkelbrezeln, einem Stückchen Fair Trade Schokolade und einem Pixi-Buch zum Thema Ritter befüllen. Da ich aber wenig Lust auf Großkinds entsetzten Gesichtsausdruck habe (weil: zu uncool!), greife ich in die Vollen und bestücke die Tüte mit dem süßesten Naschkram, den ich finden kann. Dazu packe ich noch einen Playmobilritter (wirklich cool) und für mein gutes Gewissen ein Ritter Rost Pixi-Buch (Lesen bildet ja bekanntlich.) Die Eruierung des potentiellen Tüteninhaltes hat mich drei schlaflose Nächte gekostet und definitiv mehr Euros als ich ursprünglich eingeplant hatte. Zum vierzehnten Geburtstag bekommt dann vermutlich jedes Gastkind einen iPod ins Serviettenpäckchen.

Dann ist es leider endlich soweit. Der Tag, auf den mein Großkind seit einem Jahr sehnsüchtig wartet.

Die wilde Horde fällt bei uns ein, stopft sich in Sekundenschnelle einen Bruchteil der Waffelkuchenbecher und Muffins in den Mund, für die ich den ganzen Tag lang backend in der Küche verbracht habe, und dann geht es an die Geschenkeschlacht. Das Großkind ist entzückt. Es gibt Lego. Er ist sogar so entzückt, dass er mich nach dem Auspacken alle halbe Stunde fragt, wann seine Gäste wieder nach Hause gehen, damit er endlich anfangen kann, das neue Lego aufzubauen.

Wir schicken natürlich niemanden nach Hause sondern beginnen mit den Spielen. Und ich stelle fest: Kindergartenkinder auf Kindergeburtstagen haben eine erstaunlich niedrige Aufmerksamkeitsspanne. Mindestens einer hüpft immer irgendwo in der Gegend herum, während er eigentlich gerade Dosenwerfen oder Sackhüpfen sollte. Vorzugsweise auf dem Sofa. Hat ein bisschen etwas von einem Pippi Langstrumpf Geburtstag, man könnte meinen, einige spielen „Du darfst nicht den Boden berühren“. Fehlen nur noch die umgedrehten Tassen auf dem Kopf, aus denen die Kakaoreste laufen. (Apfelschorle auf der Tischdecke tut es aber auch.)

Cedrik lugt unter der Augenbinde hervor und traktiert zielgerichtet mit dem Kochlöffel ausgerechnet meine Schienbeine beim Topfschlagen. Luna rennt mich bei der Reise nach Jerusalem einfach mal über den Haufen (ich stehe ca. fünf Meter neben den Stühlen), und Maja und das Mittelkind klemmen sich beim Fangspiel „Wäscheklammercatchen“ die Klammern lieber gegenseitig auf die Nase. Benjamin weint, weil Timo anstatt der Drachenpiñata ihn mit dem Holzschwert vermöbelt hat, und ich überlege mir lieber schon mal, wie ich seiner Mutter das fragwürdigfarbene Hörnchen auf der Stirn erklären soll.

Nachdem alle Spiele gespielt und alle Wunden verarztet sind, genieße ich den kurzen Augenblick der Ruhe, als die Ritter einträchtig am Tisch sitzen und sich schmatzend an Nudelspinnen laben und die Birnen und Gurken bewundern, die ich in mühevoller Arbeit in Igel und Krokodile verwandelt habe. Mir wäre jetzt trotzdem nach einem Schnaps. Schade, dass ich noch stille (und natürlich, dass dies ein Kindergeburtstag ist, auf dem ich nur im äußersten Notfall niemals Alkohol trinken würde).

Schließlich sind die drei Stunden um und nach und nach trudeln die Eltern ein, um ihre Sprösslinge abzuholen. Nicht wenige bedanken sich mit einem seligen Lächeln im Gesicht für die kinderfreien Stunden.

Wir verabschieden die letzten Gäste, stopfen die Kinder ins Bett und fallen mit dem Gesicht nach unten auf der Couch in einen Tiefschlaf nahe der Besinnungslosigkeit. 

In wenigen Monaten feiert das Mittelkind zum ersten Mal Kindergeburtstag. Ich hatte das irgendwie nicht bedacht, als ich drei Kinder in die Welt gesetzt habe … 

Kommentare:

  1. Ich liege unter dem Tisch.... herrlich. Wir haben gerade den siebten Geburtstag überlebt... (Mischung aus traditionell, kreativ und lebensmüde = Übernachtungen) und haben nun knapp ein halbes Jahr Zeit uns seelisch und moralisch auf den 4. vom Mini vorzubereiten. Der wird verdammt traditionell :)

    Und ja... das selige "wir hatten kinderfreie Zeit!" Grinsen der Eltern hatten wir auch. :D

    Toller Bericht. Danke fürs Teilen.

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  2. Danke! :) Das Großkind erzählt mir jetzt übrigens schon wieder, was er sich zu seinem nächsten Geburtstag wünscht und fragte heute Morgen doch glatt, was für ein Motto sein nächster Geburtstag haben wird. Äääähm!

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