Sonntag, 15. Februar 2015

Helikopter-Mutter inkognito


Schon mal was von Helikopter-Eltern gehört?
Per Wikipedia-Definition handelt es sich bei dieser Spezies um überfürsorgliche Eltern, die sich (wie ein Beobachtungs-Hubschrauber) ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu überwachen und zu behüten. Ihr Erziehungsstil ist geprägt von (zum Teil paranoider) Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes bzw. des Heranwachsenden.“

Möchte man so sein? Ja, manchmal schon irgendwie. Nein, natürlich nicht! Und deshalb erträgt man rotorblätterlos auch ganz tapfer, wenn der Nachwuchs sich waghalsig mit dem Bobby Car steile Hügel herunter stürzt oder ohne jegliche Sicherung die oberste Etage des Klettergerüstes erklimmt. Ganz insgeheim fährt das Gedankenkarussell aber doch im Extra-Speed-Modus, wenn die lieben Kleinen die Welt entdecken.



Was das Kind sagt und tut:
Das Großkind steht vor mir und puhlt sich mit den Fingern im Mund herum.
„Mama, schau nur, ich habe endlich einen Wackelzahn.“
Was ich sage:
„Oh toll, dann kann ja bald die Zahnfee mit einem Geschenk kommen.“
Was ich denke:
O-gott-o-gott-o-gott! Was passiert, wenn der Zahn im Schlaf herausfällt? Wird mein Großkind an seinem ersten Milchzahn ersticken? Sollten wir den Zahn lieber von einem Zahnarzt ziehen lassen? Nur zur Vorsicht!

Was das Kind sagt und tut:
Er dreht auf seinem neuen Mountainbike ein paar Runden über den Garagenhof.
„Guck mal, ich kann jetzt auch im Stehen Fahrrad fahren.“
Was ich sage:
„Wow! Wie ein Großer!“
Was ich denke:
Vorsicht Junge, ein Huckel! Fall nur nicht! Eigentlich könnten wir doch auch wieder Stützräder anbauen! Sitzt der Helm auch richtig? Sollte er nicht vielleicht auch Knieschoner zum Fahrradfahren tragen? Und Ellenbogenschoner? Und Knisterfolie um den Bauch gewickelt, gepolstert mit ein paar Eierkartons oder noch besser einen Brustprotektor für Motoradfahrer?

Was das Kind sagt und tut:
Wir gehen spazieren, das Großkind ist mit dem Fahrrad dabei.
„Ich fahr das letzte Stück schon mal allein nach Hause und warte vor der Garage auf euch.“
Was ich sage:
„Ja, mach nur. Wir kommen nach.“
Was ich denke:
Wenn er um die Ecke biegt, dann ist er außer Sichtweite. Allein! Er fährt ohne mein mütterliches Adlerauge neben der Straße. Was ist, wenn er auf die Straße stürzt und ein Auto kommt? Oder gar ein LKW! Oder eine komplette Herde in Panik geratener Pferde? Oder ein Panzer!??!!

Was das Kind sagt und tut:
Es guckt begeistert auf den frisch gefallenen Schnee. „Ich gehe raus in den Garten.“
Was ich sage:
„Sag Bescheid, wenn du eine Möhre für einen Schneemann brauchst.“
Was ich denke:
Ist er überhaupt warm genug angezogen? Er hat bestimmt wieder keinen Pullover unter der Jacke an! Sind eigentlich schon Kinder bei minus zwei Grad erfroren? Ob ich ihm eine Wärmflasche in die Hose stecken soll? Gibt es tragbare Heizlüfter? Und sind Frostbeulen irreparabel? Ist atmungsaktiv, wind und-, wasserdicht eigentlich gleichzusetzen mit warmhaltend? Ich glaube, ich schreibe dem Hersteller der Winterjacke mal eine Email und frage, was zum Teufel eigentlich diese Thinsulate Technologie sein soll.

Was das Kind sagt und tut:
„Mama, ich gehe ein bisschen allein draußen spielen.“
Was ich sage:
„Okay, wenn etwas ist, kannst du ja klingeln.“
Was ich denke:
Würde er trotz aller Belehrungen mit einem Fremden mitgehen, wenn ihn jemand anspricht? Soll ich das Rollo im Fenster vielleicht so runter schieben, dass ich ein Auge auf ihn werfen kann? Hätte ich ihm eine Trillerpfeife mit raus geben sollen oder Pfefferspray? Ich glaube, es wird Zeit, ihn mit seiner ersten Dose CS-Gas auszustatten. Oder ich rufe die 110 an und erkundige mich, ob sie gleich mal verstärkt in unserer Straße Streife fahren können.

Was das Kind sagt und tut:
„Ich gehe in die Garage und werkel ein bisschen mit Papas Werkzeug.“
Was ich sage:
„Super, bau was Schönes.“
Was ich denke:
Zimmermannshammer, Nägel, Schleifmaschine! Zur Hilfe! Ich sehe Nägel in den Augen, Hammer auf Daumen und abgeschliffene Hautfetzen durch die Gegend fliegen. Mir wird ein bisschen schummerig.

Ja, das alles sind Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Dieses Gedankenkarussell fährt aber nur beim Erstgeborenen so niederträchtig seine Kreise. Alle darauffolgenden Nachkommen stürzen sich bereits mit zwei freihändig auf dem Laufrad vor die Garagenwand, ruinieren sich das Fußbett, weil sie sich mal wieder ganz allein die Schuhe verkehrt herum angezogen haben und essen auch schon mal was Unbekanntes aus dem Garten, ohne dass mich augenblicklich das panikartige Gefühl befällt, postwendend in die Notaufnahme fahren zu müssen. Denn beim Beobachten des Großkindes habe ich gelernt, dass der Nachwuchs das meiste tatsächlich sehr gut allein meistert, ohne dass der Helikopter in meinem Kopf seine Rotorblätter in Lichtgeschwindigkeit drehen muss!

Manchmal, ganz selten, sage ich übrigens auch genau das, was ich denke!

Was das Kind sagt und tut:
„Ich muss Pipi“. Das Mittelkind lässt die Hosen runter und stellt sich vor die Toilettenbrille.
Was ich sage:
„Igitt, so eine Schweinerei. Setz dich hin!“
Was ich denke:
Igitt, so eine Schweinerei, er soll sich hinsetzen!
Was der Vater sagt:
„Haha! Ganz der Papa!“
Was der Vater denkt:
Haha! Ganz der Papa!



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