Mittwoch, 14. Januar 2015

Gibt's nicht, gibt's nicht! Der Zauber der Weihnacht!


(ein Postscriptum zum Weihnachtsfest) 

Oh du schöne Weihnachtszeit! Natürlich ist es herrlich, sich den Bauch mit Pute und Klößen vollzuschlagen, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel im Fernsehen zu schauen und Geschenke auszupacken. Die eine oder andere Rumkugel findet ihren Weg genauso in den vor lauter Weihnachtsleckereien ausgedehnten Magen wie die obligatorische Marzipankartoffel (mögen Sie nicht? Na, dann ersetzen Sie es durch eine andere hochkalorische Süßigkeit).

Aber seien wir mal ehrlich! So richtig wundervoll wird das Weihnachtsfest erst wieder, wenn man Kinder in die Welt gesetzt hat, die sich mit großen Augen staunend fragen, wo denn plötzlich die Geschenke herkommen, obwohl sie niemanden haben kommen hören, und die den krüppeligen Tannenbaum anstarren, als sei es das schönste Gewächs jenseits des Äquators (auch wenn er entfernt Ähnlichkeit mit etwas aufweist, das Edward mit den Scherenhänden im Alkoholrausch bearbeitet hat, weil man wieder Last Minute Weihnachtsbaumshopping betrieben hat und alle ansehnlichen Bäume bereits in fremden Wohnzimmern stehen).

Wir pflegen also diesen kostbaren Schatz des Weihnachtszaubers, solange er anhält. Das Zeitfenster dafür ist leider denkbar klein. Die ersten Jahre ist der Nachwuchs zu jung und interessiert sich mehr dafür, das Geschenkpapier in Fetzen zu reißen und ehe man sich‘s versieht, sind sie dem Ganzen schon wieder entwachsen. Auch wenn man das als Mutter natürlich niemals öffentlich zugeben würde, bereitet der Glaube an den Weihnachtsmann uns Eltern doch nicht bloß ein paar schnulzig schöne Momente an Heiligabend, das nahende Weihnachtsfest bietet darüber hinaus grenzenlose Druckmittel für gutes Benehmen bereits Wochen zuvor. („Uuuuh, ich glaube, zu Kindern, die ihre kleinen Brüder mit dem Laserschwert verhauen, kommen der Weihnachtsmann und das Christkind dieses Jahr gar nicht.“)
Da ist es dann besonders schockierend, wenn das Großkind eines schönen Tages im Dezember meine beinahe obligatorische Drohung („Uuuuuh, ich glaube, Kinder, die es nicht einmal schaffen, ihr vorhandenes Spielzeug aufzuräumen, kriegen vom Weihnachtsmann kein neues“) mit den Worten abschmettert: „Den Weihnachtsmann gibt es gar nicht!“
Natürlich hat er recht, aber das würde ich in diesem Moment niemals zugeben, denn was würde dann mit dem Zauber der Weihnacht passieren und den vielfältigen Geschenke-Ausfall-Drohungen, die mir bereits seit Wochen Ruhe und Frieden bescheren? Das Großkind ist noch nicht einmal sechs! Ich muss schlucken. „Wer hat das behauptet?“
„Meine neue Freundin. Die hab ich draußen beim Spielen kennen gelernt. Die ist schon acht!“
Ja, die Lebenserfahrung, die man mit acht Jahren aufweisen kann, ist für einen Fünfjährigen natürlich immens, das ist also quasi unanfechtbar, was diese kleine Spielverderberin gesagt hat.
„Da musst du was falsch verstanden haben!“ Lahm!
„Meine neue Freundin hat gesagt, die Erwachsenen bringen die Geschenke.“ Vehement!
„Öhm.“ Was soll ich darauf antworten? Mein Sohn, das stimmt, aber ich will trotzdem, dass du etwas anderes glaubst, weil ich unbedingt möchte, dass du dich wenigstens vier Wochen im Jahr gut benimmst am Weihnachtsabend mit vor Aufregung roten Wangen unter dem Weihnachtsbaum sitzt.
„Nein, nein! Die Erwachsenen helfen höchstens mal beim Einpacken. Vielleicht hat sie das ja beobachtet. Aber es gibt den Weihnachtsmann und das Christkind ganz sicher.“ Ich gerate etwas ins Schwitzen.
„Wirklich? Lügst du mich auch nicht an?“
Du meine Güte, wie kann er das jetzt bloß fragen? Ich räuspere mich und schwitze noch ein bisschen mehr. „Ganz bestimmt nicht!“
„Hm.“ Er scheint besänftigt, aber ich sehe, dass eine gewisse Grundskepsis in seinen Augen bleibt. Jetzt ist guter Rat teuer!
Ich habe nun noch genau eine Woche bis Heiligabend, um mir zu überlegen, wie ich dem Kind glaubhaft versichern kann, dass die Geschenke nicht von uns unter den Baum gelegt werden. Bisher hatte sich mindestens ein Erwachsener mitsamt der Kinder in einen anderen Raum des Hauses begeben und angestrengt auf der Suche nach einem Glitzern aus dem Fenster gestarrt, bis das Glöckchen erklang, das die Bescherung ankündigte. Dieses Jahr muss es definitiv einen Tacken geheimnisvoller werden, um dem Großkind seinen Glauben uneingeschränkt zurück zu geben.

Erste Idee: Heiligabend das Haus für einen Spaziergang verlassen und eine Nachbarin beauftragen, die Geschenke in unserer Abwesenheit unter den Baum zu legen. Sich zusätzlich überlegen, wie die Nachbarin es schafft, den 20kg Karton mit dem neuen Grill für den Mann aus dem Keller die Treppe hochzuschleppen. Problem erübrigt sich jedoch, da alle Nachbarn selbst auswärts feiern und niemand da ist, um die ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen.

Zweite Idee: Dem Mann dieses Weihnachten ein Weihnachtsmannkostüm verpassen und ihn mit einem Sack beladen durch den Kaminschacht rutschen lassen. Der Glaubhaftigkeit halber darf er jedoch den kompletten Tag nicht mitfeiern und muss vorgeben, arbeiten zu müssen. Mann weigert sich standhaft!

Dritte Idee: Eine Christmette besuchen, die Kinder mit der restlichen Familie in der ersten Reihe platzieren und sich selbst zwischen zwei Liedern absetzen mit der Ausrede, man müsse mal für kleine Weihnachtsengel, nach Hause eilen, Geschenke hinlegen, zurück hechten und gemeinsam wieder zurück gehen. Tadaaa! Geschenke sind da! Wer kann die bloß gebracht haben, wir waren doch die ganze Zeit gemeinsam in der Kirche!? Leider gießt es an Heiligabend in Strömen. Keiner will freiwillig vor die Tür gehen. Außerdem habe ich die berechtigte Befürchtung, dass das Mittelkind lautstark mitten in der Predigt fragen würde, wann wir endlich was von den Toten Hosen singen.

Ich sehe meine Felle davon schwimmen und finde mich bereits damit ab, dass das Großkind dem Mittelkind noch unter dem Weihnachtsbaum vor den Latz knallen wird, dass Mama und Papa die Geschenke bringen und ihn somit direkt an seinem ersten bewusst erlebten zauberhaften Weihnachtsfest für alle restlichen Weihnachten verdirbt, da kommt es dann irgendwie doch ganz anders.

Das Großkind ist an Heiligabend so dermaßen aufgeregt, dass es ihm völlig egal ist, dass Mutter und Großmutter erst später zum fröhlichen Akkordeonspielen im Kinderzimmer dazu treffen. (Sie räumen ja schließlich nach dem Essen noch die Küche auf. Dass die gar nicht soo ordentlich aussieht, wird ihm später nicht auffallen.) Es wird nach alter Tradition das Altbierlied der Toten Hosen gesungen (Fragen Sie jetzt bitte nicht!), bis ich irgendwann behaupte, ein Geräusch von unten gehört zu haben und als wir nachsehen, liegen tatsächlich alle Geschenke unter dem Baum. Das Großkind und das Mittelkind packen mit den gewünscht leuchtenden Augen alles aus und ich bin froh, dass in diesem Moment alle Skepsis von meinem Sohn gewichen ist.

Im Sommer kommt er in die Schule, da werden sich wieder ganz viele Achtjährige auf ihn stürzen und ihn davon überzeugen wollen, dass es den Weihnachtsmann und das Christkind nicht gibt, aber vielleicht schaffe ich es ja doch noch einmal, ihn vom Gegenteil zu überzeugen (und sei es, weil ihm die Vorstellung selbst so gut gefällt). 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen