Donnerstag, 8. Januar 2015

Alles eine Frage der guten Erziehung … oder etwa nicht!?


Kennen Sie dieses Szenario? Ein Kind liegt, sich windend, auf dem dreckigen Boden an der Supermarktkasse vor dem Regal mit der Quengelware, verlangt -zwischen zwei theatralischen Schluchzern - lautstark brüllend nach einem Überraschungsei und zieht damit die Aufmerksamkeit des gesamten Supermarktes inklusive aller Menschen auf dem Parkplatz auf sich. Die Mutter steht schweißgebadet daneben, während alle Welt interessiert glotzt, vielleicht auch tuschelt. Schlecht erzogen! Ganz klarer Fall!

Früher hätte ich mich zumindest in Gedanken zu den Tuschlern gesellt, denn mein Großkind hätte so etwas nie getan. Nie! Der akzeptierte mein „Nein“ und blieb weiter fröhlich im Einkaufswagen sitzen. Dabei kaute er auf einer gesunden Karotte mit Bio-Siegel herum. Die anderen Mütter mussten bei der Erziehung etwas gehörig falsch gemacht haben, denn mein Sohn war doch ganz offensichtlich der klare Beweis dafür, dass nicht jedes Kind in der Trotzphase am Rad drehen muss.

Ein paar Jahre und zwei Kinder später muss ich das reumütig revidieren. Denn während das Großkind seine emotionale Kernschmelze höchstens darauf beschränkt, mit Worten um sich zu werfen („Du bist aus meinem Freundeclub ausgeladen!“), entpuppt das Mittelkind sich als wahrer Wutbürger.

Kleine Kostprobe gefällig?

Das Mittelkind – offenbar satt - spielt mit dem von mir liebevoll zubereitetem Essen herum. Er ist kurz davor, sich eine Kartoffelspalte in die Nase zu stecken, als der Mann sich das Ganze nicht mehr länger mit ansehen kann und gedenkt, seinen Job als Mülleimer der Familie anzutreten.
„Isst du das noch?“
„Nein.“
„Dann kann ich das also essen?“
„Neeeeeeeeeein!“ Die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, als hätte man ihm angedroht, ihn bei lebendigem Leib an einen T-Rex zu verfüttern.
„Also möchtest du es doch essen?“ Das Vatertier wird zunehmend ungeduldig.
„Nä.“ (An dieser Stelle schalte ich mich kurz ein, um dem Mittelkind korrektes Deutsch beizubringen. „Es heißt nein!“)
„Dann esse ich es jetzt!“ Mit diesen Worten piekst das Vatertier eine Kartoffelspalte auf (er schert sich nicht mal darum, ob es die sein könnte, die beinahe ihren Weg ins Nasenloch gefunden hätte) und verspeist sie.
Was nun folgt ist ganz großes Kino, zumindest wenn man auf Actionfilme steht. Das Mittelkind beginnt, unartikulierte Laute von sich zu geben und seinen Körper auf dem Tripp Trapp so hin und her zu schmeißen, dass man quasi nur darauf wartet, dass er herunter fällt. Zeitgleich versucht er, den Tisch mit seinen Armen leer zu fegen.
Ich rette das Porzellan und starte einen letzten Versuch, ihm ruhig zu erklären, dass wir nicht gedenken, seine Portion wegzuschmeißen und er seine Kartoffeln gern selbst essen könne. Nein, ich schreie nicht! Ich schreie niemals!
Okay, ich schreie dann doch kurz, als er drauf und dran ist, alles, was sich in seiner unmittelbaren Nähe befindet, zu Kleinholz zu verarbeiten.
Dann klemme ich ihn mir unter den Arm und bringe ihn ins Zimmer nebenan, nehme ihn aus der Situation heraus, gehe auf Augenhöhe und rede wieder gaaaaaanz ruhig mit ihm. Pädagogisch total wertvoll. Ich habe zwar nie die Super-Nanny gesehen, aber so macht man das als Bildungsbürger! Leider interessiert das Mittelkind sich ziemlich wenig für meine vorzeigbaren Erziehungsmaßnahmen, genau genommen hört er mir nicht einmal zu, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, auszurasten.
Das Großkind gießt noch Öl ins Feuer, indem er ins Zimmer kommt und seinem Bruder erklärt, dass ER jetzt Nachtisch essen würde, was das Mittelkind nur noch mehr in Rage bringt.
Irgendwann ist die Wut so plötzlich verraucht, wie sie gekommen ist, wir vertragen uns wieder, das Kind liegt schwer atmend in meinen Armen und haucht „Ich hab dich sooo lieb“ in mein Ohr. Es ist ihm sogar egal, dass das Vatertier inzwischen seinen kompletten Teller leer gegessen hat. Ich flüstere ähnliche Liebesbekundungen zurück und genieße den Augenblick. Denn der nächste Anfall kommt bestimmt, weil ich es wage, zu behaupten, dass er noch nicht ohne Stützräder Fahrrad fahren könne (kann er nicht), weil ich unwissentlich den Einkaufsbeutel ins Haus trage, den er tragen wollte oder weil der große Bruder allein die Tür aufmacht, wenn es klingelt. Und dann zehre ich von der Erinnerung an die Momente, in denen der kleine Trotzkopf sich von seiner entzückenden Seite zeigt.

Ich schwöre, dass ich beide Kinder mit den gleichen Maßstäben erzogen habe, irgendwie sind sie dennoch ganz unterschiedlich geraten. Der elterliche Einfluss ist an dieser Stelle scheinbar gleich null. Wenn Sie also das nächste Mal eine entnervte Mutter mit trotzendem Kind im Supermarkt sehen, denken Sie nicht daran, was Sie alles besser gemacht hätten, sondern drücken Sie sie tröstend an sich und versprechen ihr, dass das bestimmt nur eine Phase ist, die vorbei geht … zumindest bis zur Pubertät!

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